Aktuelle und kommende Änderungen in der PMP®-Zertifizierung

Das Projekt Management Institut (PMI) aktualisiert derzeit seinen wichtigsten Standard, den PMBOK-Guide®. Insgesamt unterzieht das PMI den PMBOK-Guides® und die PMP®-Zertifizierung in jüngster Zeit einer radikalen Verjüngungskur. Neben den inhaltlichen Änderungen betreffen einige aktuelle Änderungen auch das Prüfungsverfahren.

Den bisherigen Ankündigungen des PMI zufolge wird sich der neue PMBOK-Guide® von dem über lange Jahre geltenden Beschreibungsansatz eines Prozessmodells verabschieden und auf einen prinzipienbasierten Ansatz wechseln. Dieses aus einigen agilen Ansätzen schon bekanntes Beschreibungsmodell trägt der Tatsache Rechnung, daß Projekte heutzutage vielfältiger sind und Projektmanagern deutlich flexibler mit unterschiedlichen Managementmethodiken umgehen müssen. Projekt werden in diesem Modell auch nicht mehr nur als Vorhaben zur Lieferung spezifischer Ergebnisse, sondern als Bestandteil eines Systems zur Wertschöpfung gesehen. Durch den neuen Beschreibungsansatz soll der zurückliegenden Versionen immer umfangreicher gewordene Guide aber auch wieder kürzer werden.

Die in dem bisherigen prozessorientierten Ansatz gegebene Unterstützung durch konkrete Werkzeuge und spezifische Umsetzungshilfen, hofft das PMI durch eine digitale Unterstützung, die unter dem Namen PMIStandards+® auf der Website des PMI zu finden sein wird, auch mit dem neuen Beschreibungsmodel aufrechterhalten zu können. Derzeit geht das PMI davon aus, den neuen Guide Anfang 2021 erscheinen lassen zu können. Wie schon in der sechsten Edition sollen auch diesmal wieder alle offiziellen Übersetzungen zeitgleich mit dem englischen Text erscheinen.

Auch wenn der PMBOK-Guide schon früher für die PMP®-Prüfung ausdrücklich nicht als alleinige Basis galt, verstärkt sich diese Distanz noch weiter. Dies wurde schon mit den ursprünglich für Januar 2020 angekündigten, inzwischen aber auf den 2.1.2021 verschobenen Änderungen in der Zertifizierungsprüfung deutlich. Nachdem im letzten Jahr der Wechsel auf den neuen Prüfungsprovider Pearson Vue erfolgt ist, sind auch in diesem Jahr schon einige Änderungen am Prüfungsprozess durchgeführt worden.

Aktuelle Änderungen in der Prüfung

Projektstundenangabe nicht mehr erforderlich

Die aktuellste Änderung betrifft den Anmeldeprozess selbst. Bisher war es erforderlich, in der Application für jedes Projekt der angegeben Projektmanagementerfahrung die geleisteten Stunden in den fünf Prozessgruppen anzugeben. Diese Angabe entfällt inzwischen. Es müssen nur noch die Projekte mit ihrer Laufzeit angegeben werden. Die grundsätzlichen Anforderungen ändern sich dadurch aber nicht. Für Bewerber und Bewerberinnen mit einem akademischen Abschluss (Bachelor oder gleichwertig) sind Projekte mit einer Gesamtlaufzeit von 36 Monaten anzugeben. Für Bewerber ohne akademischen Abschluss erhöht sich der Wert auf 60 Monate. Zeiträume überlappender Projekte werden dabei nur einmal gewertet. In beiden Fällen müssen die Erfahrungen innerhalb der letzten acht Jahre vor dem Bewerbungszeitpunkt erlangt worden sein.

Zusätzlich ist eine formelle Projektmanagementausbildung im Umfang von 35 Stunden erforderlich, wie sie z.B. durch unsere Kurse erworben werden kann.

PMP®-Prüfung auch als Proctored Exam möglich

Schon seit April bietet das Pearson Vue auch das PMP®-Exam auch als sogenanntes Proctored Exam an. Dabei wird die Prüfung am heimischen Computer online abgelegt. Voraussetzung dafür ist eine stabile Internetverbindung und eine Webcam. Während der gesamten Prüfung muss die Webcam eingeschaltet sein, damit der Proctor den Prüfungsprozess überwachen kann. Störungen und andere Personen im Raum sind nicht erlaubt und können zum Abbruch der Prüfung führen. Die Kompatiblität des Computers läßt sich im Vorfeld testen. Prüfungen in zugelassenen Prüfungscentern sind weiterhin möglich, soweit die geltenden Einschränkungen aufgrund der Covid-19-Pandemie eingehalten werden können.

Pflichtpause in der Prüfung nach 2 Stunden und 100 Fragen

Sowohl bei der Prüfung im Prüfungscenter als auch bei dem Proctored Exam findet nach zwei Stunden und 100 Fragen eine maximal zehnminütige Pause statt. Nach der Pause kann auf die Fragen des ersten Teils nicht mehr zugegriffen werden. Eine nachträgliche Korrektur der Antworten ist somit nur noch innerhalb des jeweiligen Prüfungsteils möglich.

Änderung der Prüfung zum 2.1.2021

Die schon früher beschriebenen Änderungen in der Content Outline der Prüfung sind derzeit auf den 2.1.2021 verschoben. Bis zum 31.12.2020 findet die Prüfung noch nach der aktuellen Content Outline statt. Die derzeit gültige Content Outline fragt das Projektmanagementwissen nach Aufgaben in den fünf Prozessgruppen und dazugehörigen allgemeinen Kenntnissen ab. Damit nimmt sie zumindest formal Bezug auf die im aktuellen PMBOK-Guide beschriebene Prozesse.

Die ab Januar 2021 gültige Content Outline unterteilt die Prüfungsinhalte in drei Wissensdomänen, People (42% der Fragen), Process (50%) und Business Environment (8%). Auch damit wir die Differenz zur bisherigen Struktur des PMBOK-Guides deutlich. Zusätzlich hat PMI angekündigt, daß ca. 50% der Fragen agile und hybride Kontexte behandeln werden.

Weiterführende Links:

Content Outline 2021: https://www.pmi.org/-/media/pmi/documents/public/pdf/certifications/pmp-examination-content-outline.pdf

Content Outline 2020: https://www.pmi.org/-/media/pmi/documents/public/pdf/certifications/project-management-professional-exam-outline.pdf

Prüfungsänderungen zum 2.1.2021: https://www.pmi.org/certifications/types/project-management-pmp/exam-prep/changes

Erklärvideo zum neuen Anmeldeverfahren:
https://players.brightcove.net/pages/v1/index.html?accountId=5392214295001&playerId=SJgOsRZ08b&videoId=6161716623001&autoplay=true 

Literaturreferenzen für die neue Prüfung: https://www.pmi.org/certifications/types/project-management-pmp/pmp-reference-list

Informationen des PMI zum neuen Prüfungsablauf und zum Online Proctored Exam: https://www.pmi.org/certifications/process/online-proctored-testing

Technische Informationen zum Online Proctored Exam: https://home.pearsonvue.com/pmi/onvue

Entwurf des PMBOK-Guides 6th Edition veröffentlicht

Seit dem 26. Juni steht der Entwurf der nächsten PMBOK-Version zu Review für alle Mitglieder online. Bis zum 26. Juli kann der englische Text von PMI-Mitgliedern kommentiert werden. Die endgültige Version soll im dritten Quartal des nächsten Jahres erstmalig in zehn Sprachen gleichzeitig erscheinen.

Einige zentrale Änderungen werden im Entwurf deutlich

Was ändert sich am Prozessmodell?

  1. Drei neue Prozesse kommen hinzu: Manage Project Knowledge im Integration Management, Implement Risk Responses im Risk Management und Control Resources im Resource Management
  2. Zwei neu benannte Wissensgebiete: Project Time Management heißt jetzt Project Schedule Management und Project Human Resource Management nun allgemeiner Project Resource Management.
  3. Der Prozess Estimate Activity Resources ist jetzt unter Resource Management angesiedelt.
  4. Der Prozess Close Procurements wird nicht mehr beschreiben. Die damit verbundenen Aufgaben sind auf die Prozesse Control Procurements und Close Project or Phase aufgeteilt worden.
  5. Es gibt eine neue Klassifizierung für die Prozesse. Sie werden jetzt unterschieden nach Prozessen, die nur einmalig oder nur zu bestimmten Zeitpunkten im Projekt ausgeführt werden, Prozessen, die periodisch aufgerufen werden und Prozessen, die kontinuierlich das Projekt begleiten.

Demnach sind es jetzt wieder 49 Prozesse. Die Einteilung der Prozessgruppen und Wissensgebiete ändert sich nicht.

Vereinheitlichte Beschreibung von Ein- und Ausgabewerten der Prozesse

Die Beschreibung der Ein- und Ausgabewerte der Prozesse ist hinsichtlich des Projektmanagementplans und den Projektdokumenten vereinheitlicht worden. Dokumente und Projektmanagementplan-Bestandteile werden an den Prozessen beschrieben, in denen sie entstehen. In weiteren Beschreibungen werden nur noch der Projektmanagementplan oder die Projektdokumente dann als allgemeiner Ein- bzw. Ausgabewert genannt. Die relevanten Bestandteile werden evtl. dann in der Prozessbeschreibung erläutert. Diesen Ansatz hat das PMI schon in der aktuellen Version des PMBOK-Guides verfolgt, aber nicht konsistent eingehalten..

Einheitlicher und in der Einleitung besser definiert worden sind auch die Standardeingabewerte der Organizational Process Assets (OPAs) und der Enterprise Environmental Factors (EEFs).

Lessons Learned als eigener Prozess

Mit dem neuen Ausführungsprozess Manage Project Knowledge im Project Integration Management trägt das PMI der Relevanz einer kontinuierlichen und konsistenten Lessons Learned-Dokumentation Rechnung. Gerade für ein unternehmensweites Projektmanagement ist dieser Ansatz von zentraler Bedeutung um eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Projektmanagement-Wissens sicher zu stellen. Dies war schon immer eine Idee hinter dem PMBOK-Guide.

Überhaupt wird die Idee der Anpassung des Prozessmodells an die Unternehmens- und Projektanforderungen deutlich stärker vom PMI betont als früher. Das “Tailoring” des Standards für die eigene Umgebung ist eine zentrale Aufgabe der Projektplanung und wird weiterhin über die zentrale Stellung des Projektmanagementplans unterstützt. Entsprechende Hinweise sind aber jetzt den Prozessbeschreibungen hinzugefügt worden. Außerdem bekommt das Tailoring einen eigenen Abschnitt in Kapitel 1.

Und wieder mal die Frage: Wie agil wird das PMBOK?

Wieder betont das PMI, dass die neue Version des PMBOK-Guides neue Ansätze des Projektmanagements stärker berücksichtigt. Zusammen mit den Ansätzen zum Tailoring des Prozessmodells, umfassen die Prozessbeschreibungen jetzt weitere Methoden aktueller Vorgehensmodelle. Wie bisher gilt aber, das PMBOK versteht sich als übergreifendes Beschreibungsmodell, unter dem verschiedene Ansätze, auch agile, beschrieben werden können.

Die einleitenden drei Kapitel sind in dieser Version komplett überarbeitet worden und enthalten weitere Verfeinerungen in der Beschreibung der Lebenszyklen. Viele Grafiken hat das PMI erneuert. Meiner Meinung nach werden damit die zentralen Unterscheidungen besser deutlich.